Über den Trendreport: Wie der soziale Sektor in Deutschland vom digitalen Potential profitieren kann.




Das Internet ist ein Medium der tausend Möglichkeiten. Und weil die meisten Möglichkeiten relativ einfach zu realisieren sind, indem man "nur" Software programmiert, ist der Enthusiasmus groß und Neugründungen sind zahlreich. Aus der Masse der Anwendungen, die wie auf einer bunten Wiese aus dem Nährboden des Internets sprießen, ragen aber nur relativ wenige Pflänzchen hervor, die langlebig sind.

Im Trendreport zeigen wir diese langlebigen Arten der digitalen Anwendungen. Wir konzentrieren uns bei der Auswahl auf Webseiten und Programme, die Potential für den sozialen Sektor haben, die den sozialen Organisationen und ihren Geldgebern in Deutschland dabei helfen können, wirkungsvoller zu arbeiten.

Der animierte Kurzfilm erklärt das Konzept des Trendreports:



Und hier zeigen wir in einem Screencast, wie die Webseite des Trendreports aufgebaut ist:

Um in den Trendreport einzuführen, möchten wir hier kurz auf folgende vier Punkte eingehen:

  1. Wie das Internet die Gesellschaft bereits verändert.
  2. Warum und für wen wir welche Fragen zur Digitalisierung des sozialen Sektors stellen.
  3. Wie der Trendreport strukturiert ist.
  4. Mit welchen Daten und Quellen wir arbeiten.

1. Gesellschaftliche Bereiche, die das Internet bereits verändert.

Vor 15 Jahren durchforstete man noch den Dschungel der Kleinanzeigen in der Zeitung – heute gibt es eBay. Man kaufte Musik noch auf CD – heute läd man mp3. Man ließ sich im Reisebüro beraten – heute gibt es holidayCheck. Man stellte sich zwei Meter Brockhaus ins Bücherregal – heute gibt es Wikipedia.

In binsum veritas, aber zur Erinnerung: Das Internet hat unser Leben in vielen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen grundlegend verändert. Immer mehr Menschen haben Internetzugang und damit Zugang zu einer vorher unerreichten Masse an Informationen. Nutzergenerierte Webseiten wie Youtube und SoundCloud haben die Musik- und Filmindustrie gezwungen, ihre traditionellen Geschäftsmodelle umzukrempeln. Auch die Art, wie wir persönliche und berufliche Beziehungen gestalten, verändert sich durch die zunehmende Nutzung sozialer Netzwerke wie facebook, twitter oder Xing maßgeblich.
 Digitalisierte Informationen lassen sich problemlos vervielfältigen und über das Internet in Bruchteilen von Sekunden um die Welt schicken. Diese fast kostenlose Überwindung von Zeit und Raum führt auch zu einem neuen Maß an Transparenz und trägt dazu bei, alte Strukturen aufzubrechen. Neue Akteure werden sichtbar: Bereits zwei Milliarden Menschen sind online und machen mit. Sie tauschen sich in Foren aus, laden Videos und Fotos hoch, bringen ihr Wissen ein oder stellen in weniger als 24 Stunden eine Webseite online, die passende Drinks zur laufenden Musik empfiehlt (drinkify.org). Noch nie war es so leicht, zu partizipieren und sein Anliegen öffentlich zu machen. Menschen, Expertisen und Daten verbinden und verbreiten sich mit nur wenigen Klicks.

Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 fasst zusammen: 73 Prozent der Deutschen sind online (Anteil der Onliner unter 50 Jahren: 95 Prozent). facebook, YouTube und Co. sind zur Selbstverständlichkeit und einem medialen Massenphänomen geworden, dem sich weltweit mehrere 100 Millionen Menschen angeschlossen haben. Social Media und Videos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Durchschnittsalter der Onliner liegt bei rund 40 Jahren, aber auch die Generation 50+ ist mittlerweile zu 47% im Netz unterwegs (2010: 43%). Dieser Anstieg ist vor allem auf den Zuwachs bei den über-60-Jährigen zurückzuführen. In einem Satz: Das Internet ist längst in den Alltag integriert – auch in den sozialen.

2. Die wichtigsten Fragen zur Digitalisierung des sozialen Sektors, warum sie beantwortet werden müssen – und für wen.

Der Trendreport digital/sozial geht folgenden Fragen auf den Grund: Auf welche Art und Weise verändern digitale Medien den sozialen Sektor? Wie verändern sich Organisationsformen, Arbeitsweisen und die Erwartungshaltungen der Beteiligten? Wie verschiebt sich das Machtverhältnis zwischen Geldgebern, sozialen Organisationen, Experten und den Empfängern von Hilfsleistungen, den Begünstigten? Welche Auswirkungen haben digitale Medien auf die Effizienz und Effektivität der geleisteten Arbeit?

Der soziale Sektor in Deutschland steht vor ähnlichen strukturellen Veränderungen wie wir sie seit einigen Jahren in der Wirtschaftswelt und im gesellschaftlichen Leben beobachten können. Für Menschen die nach 1980 geboren sind – die so genannten Digital Natives – ist das Internet eine Selbstverständlichkeit, mir der sie aufgewachsen sind. Sie teilen Inhalte, vernetzen sich und kollaborieren täglich und ohne Mühe. Und sie sind die Generation der zukünftigen Geldgeber, Unterstützer, Aktivisten und Ausführenden sozialer Arbeit in Deutschland.

Deshalb ist es unerlässlich, dass die Beteiligten des sozialen Sektors den Umgang mit den neuen digitalen Werkzeugen lernen. Nur so sind sie auf kommende Veränderungen vorbereitet. Außerdem haben jene Organisationen, welche die digitale Herausforderung annehmen und ihre Potentiale früh erkennen, einen Wettbewerbsvorteil. Der Trendreport digital/sozial zeigt, welche Entwicklungen zu erwarten sind.

Wir möchten mit dem Trendreport digital/sozial Impulse setzen, inspirieren und bei der Orientierung auf dem Weg in die Zukunft helfen. Der Trendreport ist kein Blick in die Kristallkugel: Welche Arten wie lange überleben werden, wissen wir nicht. Aber welche Entwicklungen wohin deuten ist durchaus erkennbar. Das Internet stellt uns vor ein Paradox: auf der einen Seite ist die Zukunft in einer Welt unerschöpflicher Information, gesellschaftlicher Ausdifferenzierung und Globalisierung so wenig vorhersehbar wie nie zuvor. Zugleich sind jedoch unsere seismographischen Fähigkeiten wesentlich ausgeprägter, wir können besser bedeutsame Entwicklungen entdecken, verstehen und weiterverbreiten (um Feedback und andere Meinungen einzuholen, die zur Objektivierung beitragen). Der Trendreport soll helfen, die strategische Ausrichtung von Organisationen zu bestimmen, neue Handlungsfelder zu entdecken und neue Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln. Kurzum: Innovationskraft steigern.

Der Trendreport digital/sozial richtet sich an gemeinnützige und andere Organisationen, die sich im sozialen, kulturellen oder umweltpolitischen Bereich engagieren. Kleine, so genannte Grasswurzelinitiativen, sollen sich genauso angesprochen fühlen wie etablierte, große Organisationen. Aber auch die Geldgeber – ob Stiftungen, Unternehmen, Entwicklungspolitiker oder Großspender – können mit dem Trendreport digital/sozial professioneller agieren und investieren. Und Journalisten, Blogger, Wissenschaftler und andere am sozialen Sektor interessierte Menschen können sich über die neuesten Entwicklungen informieren und als Multiplikatoren dienen.

3. Die Struktur des Trendreports digital/sozial

Die Elementarteilchen des Trendreports sind die so genannten Cases. Diese Fallbeispiele zeigen, wie digitales Potential im Internet und Mobilfunkbereich innovativ genutzt wird. Ob Bestechungen über offene Karten visualisiert werden (Bribespot), Händler online übers Börsenparkett sozial invesieren (SASIX) oder Leute sozial Joggen (Good Gym) – wir haben hunderte Cases zusammengetragen und kurz beschrieben.

Wir schauen, welche Elementarteilchen besonders gut zusammenpassen und fügen sie eine Ebene höher zu Trends zusammen. Warum werden in vielen Cases Informationen auf Karten dargestellt? Weil Kartismus ein Trend ist. Dieser Trend existiert aber nicht unabhängig von anderen Trends. Die meisten von ihnen sind Manifestationen mehrerer Trends. So ist es auch ein Zeichen von Partizipation, wenn die Menschen die Informationen selber einstellen, die auf einer Karte visualisiert werden. Deshalb sind die meisten Cases im Trendreport mehren Trends zugeordnet. Und wer unter der Trendbeschreibung von Kartismus durch die Cases geht, trifft einige davon auch unter Mitmachen wieder an. Cases sind konkret, und wir abstrahieren daraus Trends. Haben wir dabei etwas übersehen? Sind wir irgendwo einer falschen Fährte aufgesessen? Gibt es einen Trend, den wir vor lauter Cases nicht sehen? Schreiben Sie uns!

Warum wir welchen Trend statuieren, führen wir in den Beschreibungen der Trends aus. Wir identifizieren die Ursachen, die gegenwärtige Ausprägung und gewichten und interpretieren die Trends. Auch zeigen wir mögliche Risiken und Chancen für die drei Akteursgruppen der Geldgeber, Vermittler und Begünstigten. Die Interpretation der Trends ist wichtig, weil Entwicklungen von einem sozialen, kulturellen und regulatorischen Kontext nicht unmittelbar auf einen anderen, in unserem Fall, den deutschen, übertragbar sind. Auch können wir nicht davon ausgehen, dass sich die Dynamik, die digitale Medien in Wirtschaft und Alltagsleben entwickeln, in vergleichbarem Ausmaß und Tempo im sozialen Sektor wiederholen wird, da dieser teilweise eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Wie genau Trends und Cases in den Trendreport kommen, liest Du hier.

4. Daten und Quellen

Der Trendreport digital/sozial erfüllt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Die Autoren sind seit Jahren im sozialen Sektor, als Sozialwissenschaftler und Ökonomen tätig und haben im Internet großflächig und sorgfältig zur weltweiten Nutzung digitaler Kommunikation im sozialen Sektor recherchiert. Ergebnisse relevanter Konferenzen und Workshops werden ebenso genutzt, wie aktuelle Erkenntnisse aus der kommunikationswissenschaftlichen und soziologischen Forschung. Fachbücher sind eine weitere Quelle (siehe auch unsere Rezensionen zu The Master Switch, Die Spendenmafia, The Filter Bubble, Social Entrepreneurship oder Poor Economics.) Wir greifen auch auf anonymisierte Daten zum Nutzerverhalten der Spendenplattform betterplace.org (über 30.000 Nutzer) zurück. Und über qualitative Interviews mit Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen des sozialen Sektors in Deutschland haben wir außerdem die Meinungslage zur digital-sozialen Schnittstelle erforscht.

Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation
Scheinhardt