Wie wir den sozialen Sektor sehen.







Der Trendreport soll vor allem frischen Wind in den sozialen Sektor bringen. Diesen Sektor verstehen wir als einen Querschnitt durch die gesamte sozial engagierte und involvierte Gesellschaft. Der Fokus liegt nicht allein auf dem so genannten Dritten Sektor – oft auch Non-Profit-Sektor genannt –, der vor allem die privaten, freiwilligen und nicht profitorientierten Organisationen umfasst. Auch die Geber, also staatliche, unternehmerische und private Akteure sind Teil der hier untersuchten Landschaft. Durch ihr Engagement in Form von Investitionen, Spenden, Krediten oder Ehrenamt helfen sie der dritten Gruppe des sozialen Sektors, also jenen Menschen, um die es eigentlich geht: den Begünstigten. Die Begünstigten sind die Empfänger der Hilfe, seien es kleinere benachteiligte Gruppen in westlichen Industrienationen oder ganze Bevölkerungen in strukturell unterentwickelten Ländern. Das Trio lässt sich so zusammenfassen: Die Geber leiten hauptsächlich Geld an die NGOs, die es als Mittler für soziale Projekte einsetzen, die den Begünstigten zugutekommen.

1. Geber

Um die Lage in Deutschland in Relation setzen zu können, hier zunächst ein Blick auf die internationalen Zahlen: Zu den größten Unterstützern sozialer und entwicklungspolitischer Programme gehören staatliche Organisationen wie die Weltbank, der Internationale Währungsfond, die US-amerikanische Institution USAID, das britische Department for International Development (DFID) oder die deutschen Organisationen GIZ und KfW. Im Jahr 2010 verlieh die Weltbank insgesamt 73 Milliarden US-Dollar für entwicklungspolitische Projekte, Beteiligungen und Investitionen. Das USAID-Budget betrug im gleichen Jahr 25 Milliarden US-Dollar, die britische Entwicklungszusammenarbeit wurde mit knapp 14 Milliarden US-Dollar verbucht und Deutschland investierte umgerechnet 13,1 Milliarden US-Dollar (9,8 Milliarden Euro) in die Entwicklungszusammenarbeit. Weltweit wurden im Jahr 2010 knapp 130 Milliarden US-Dollar für die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) aufgebracht. Das entspricht einem Anteil von 0,32 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP). In Deutschland sind es knapp 0,4 Prozent des BIP.

In Deutschlands setzen die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege mit den fünf großen Organisationen Caritas, Diakonie, AWO, DRK und Paritätischer Wohlfahrtsverband jährlich rund 55 Mrd. Euro mit ihren sozialen Diensten um. In ihren mehr als 100.000 Einrichtungen beschäftigen sie rund 1,5 Millionen Erwerbstätige und zudem 2,5 bis 3 Millionen Ehrenamtliche. Die Caritas ist mit mehr als 500.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in Deutschland und beschäftigt zusammen mit dem Diakonischen Werk mehr Menschen als die deutsche Automobilindustrie.

Die letzten wissenschaftlich belastbaren Zahlen über die finanziellen Volumina der Zivilgesellschaft in Deutschland aus dem Jahre 1995 gehen von einem Betrag von etwa 137,5 Milliarden D-Mark aus. Der Dritte Sektor in Deutschland finanziert sich überwiegend aus öffentlichen Mitteln: über 64 Prozent kamen aus staatlichen Kassen, 32 Prozent wurden selbsterwirtschaftet, und lediglich 3,4 Prozent stammten aus Spenden. International stammten im Durchschnitt nur 42 Prozent der Mittel aus öffentlicher Hand, 47 wurden selbst erwirtschaftet und 11 Prozent waren Spenden.

Nun ließen sich diverse Hochrechnungen vornehmen, um zu aktuelleren Schätzungen zu gelangen, doch sie überstiegen kaum das Niveau einer Milchmädchenrechnung: Ginge man nämlich davon aus, dass der Anteil der Spenden bei der Finanzierung der Zivilgesellschaft immer noch 3,4 Prozent betrüge und korrelierte diesen Wert mit den 4 bis 5 Milliarden Euro, die aktuellen Erhebungen zufolge jährlich hierzulande gespendet werden, errechnete sich ein Gesamtvolumen von etwa 120 bis 150 Milliarden Euro. Solche Überlegungen, Schätzungen und Zahlen sollten allerdings mit großer Vorsicht genossen werden – zu heterogen ist der Sektor, zu vielfältig, undurchsichtig und unbekannt seine  Finanzquellen. Selbst die Enquete-Kommission Bürgerschaftliches Engagement des Deutschen Bundestages sah sich außerstande, das Fördervolumen für bürgerschaftliches Engagement auch nur auf Bundesebene präzise zu ermitteln.

In der öffentlichen Meinung wird der Beitrag von Stiftungen zu sozialen Zwecken als bedeutsam angesehen. Doch dieser Eindruck täuscht. Obwohl Stiftungsgründungen seit vielen Jahren sehr beliebt sind (2009 gab es hierzulande rund 17.400 Stiftungen, die zusammen ein Vermögen von mehr als 100 Milliarden Euro hatten), schlussfolgert der Bericht der Enquete-Kommission Bürgerschaftliches Engagement, „dass Stiftungen keinen entscheidenden quantitativen Beitrag zur Finanzierung von Aufgaben des Gemeinwohls leisten können“ und schätzt den Anteil am Finanzvolumen des Dritten Sektors auf „allenfalls 0,3 Prozent“ im „nicht mehr messbaren Bereich“.

Viele Deutsche engagieren sich auch ehrenamtlich, mehr als jede dritte Person, die älter als 14 Jahr ist, sogar langfristig, mehrmals im Monat oder gar in der Woche. So kommen in Deutschland jedes Jahr geschätzte 4 Milliarden Stunden ehrenamtliches Engagement zusammen. (siehe auch Studie zum Ehrenamt in Deutschland des betterplace lab)

In der Wirtschaft sind es die drei Buchstaben CSR, die für die soziale Verantwortung der Unternehmen stehen: Corporate Social Responsibility. Viele große und mittelständische Unternehmen spenden im Rahmen von CSR-Maßnahmen Geld und Sachmittel oder bieten pro bono Arbeitsstunden zur Unterstützung sozialer Projekte an. Allein das CSR-Budget der Deutschen Bank betrug im Jahr 2009 gut 81 Millionen Euro. Das Gesamtvolumen dieser Maßnahmen ist jedoch schwer abzuschätzen, da es auch hier keine verlässlichen Statistiken gibt. Die gesamten jährlichen Unternehmensspenden liegen vermutlich bei 400 bis 800 Millionen Euro. Großzügiger ist mit rund 4 Milliarden Euro der Sponsoring Etat, von dem allerdings nur ein Teil in soziale Projekte fließt. Die gesamten sogenannten Corporate Giving Ausgaben, die neben Spenden und Sponsoring auch ehrenamtliche Tätigkeiten und Stiftungserträge berücksichtigen, summieren sich für die deutschen Unternehmen auf geschätzte 10 Milliarden Euro.

Die Unternehmen achten heute stärker darauf, ihre Tätigkeiten sozialverträglich zu gestalten. Es entstehen auch vermehrt neue Unternehmensformen, bei denen die traditionelle Trennung zwischen profitorientiert und nicht-profitorientiert nicht mehr greift. So gibt es eine stärker werdende Diskussion um sogenannte soziale Unternehmer („Social Entrepreneurs“), deren Aktivitäten darauf abzielen, gesellschaftliche Probleme wie Bildungsmangel oder Umweltverschmutzung mit unternehmerischen Mitteln zu lösen. (Organisationen wie Ashoka oder die Schwab Foundation fördern gezielt soziale Unternehmer.) Verstärkt werden auch Base of the Pyramid-Ansätze in Unternehmen integriert, bei denen es darum, bisher weitgehend vernachlässigte Bevölkerungsschichten in die unternehmerische Wertschöpfungsketten einzubeziehen und aus der Armut herauszukatapultieren.

Auf dem Finanzmarkt haben sich, ausgehend von den USA, seit der Jahrtausendwende eine Reihe so genannter sozialer Fonds gebildet. Mit Methoden aus dem Venture Capital Bereich, also durch starkes Engagement der Investoren, mit Fokus auf Wirkungsmessung und Exit- Strategien, versuchen sie, ihr soziales Engagement in soziale Investitionen umzumünzen. Dieser Trend hat dazu geführt, vermehrt die Wirkung von Projekten in Augenschein zu nehmen. Auch Stiftungen haben in den USA begonnen, mit Methoden der Venture- oder auch Strategic Philanthropy zu arbeiten. Einige Beispiele dafür sind die Hewlett Foundation, Venture Philanthropy Partners oder die Annie Casey Foundation. In Deutschland haben sich vor einigen Jahren zwei erste Social Venture Fonds gegründet: Bonventure in München und Canopus in Freiburg. Die Beispiele zeigen, dass der Markt in Bewegung geraten ist. Die Idee sozialen Investments ist in Deutschland aber bislang nur noch nicht weit verbreitet. Dennoch kann ein Trend dahin angenommen werden.

2. Mittler

Fast immer sind zwischen den Begünstigten und den Geldgebern Mittlerorganisationen des sozialen Sektors angesiedelt. Die Bandbreite ist gewachsen: So zählen dazu nicht mehr nur die Nichtregierungs- und Hilfsorganisationen, sondern zunehmend auch Managementberatungen, Weiterbildungsakademien, Fundraising- und Ratingagenturen.

Seit den 70er-Jahren übernehmen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zunehmend Aufgaben aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, da viele Staaten Verantwortung abgeben. So ist die Zahl der NGOs seither stark gewachsen. Allein in den USA gibt es mehr als eine Million NGOs, in Deutschland liegt die Zahl bei mehreren Hunderttausend. Insgesamt dürften in Deutschland etwa eine Million Organisationen im Dritten Sektor tätig sein. Dazu zählen neben den Nichtregierungsorganisationen vor allem Vereine und Bürgerinitiativen sowie die Stiftungen.

Um die NGOs haben sich in den letzten Jahren auch viele Berater geschart, besonders in den USA und in Großbritannien. Dazu zählen auch Managementberatungen wie Booz Allen Hamilton oder McKinsey, die allesamt spezielle Beratungsabteilungen für den Dritten Sektor oder philanthropisches Engagement eingerichtet haben. Wohlhabende Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen nutzen wiederum Dienstleistungen von Venture Philanthropy Beratungen, in Deutschland sind das vor allem Active Philanthropy und die Phineo gAG.

Neben klassischen Bereichen wie Fundraising, Außendarstellung und Management haben NGO-Berater mittlerweile eine neue Nische entdeckt: Die Wirkungsmessung. Die tatsächliche Wirkung von sozialen Maßnahmen soll nachvollziehbar und messbar gemacht werden, um anschließend eine fundierte Bewertung durchführen zu können. Vor allem im angelsächsischen Bereich hat sich hier in den letzten Jahren eine Vielzahl von speziellen Agenturen und Beratungen herausgebildet, die konkrete Werkzeuge dafür anbieten.

Je mehr NGOs es gibt, desto größer wird der Konkurrenzdruck um den etwa gleich bleibenden „Spendenkuchen“. Deshalb wird auch die aktive Spendenakquise immer wichtiger. Auch hier hat sich eine regelrechte Industrie entwickelt: Fundraising ist in Deutschland zu einem echten Beruf herangewachsen, mit eigenen Studiengängen, Publikationen, Konferenzen und Fortbildungsakademien. Mittlerweile sind gut 2500 Personen hauptberuflich im Fundraising tätig. Diese Zahl wird sich im Laufe der nächsten zehn Jahre wahrscheinlich verdoppeln.

3. Begünstigte

Die Empfänger der Hilfe sind diejenigen, die dem sozialen Sektor überhaupt erst seine Daseinsberechtigung geben. Doch bis vor wenigen Jahren hatten die Begünstigten kaum eine Stimme, mit der sie sich äußern oder Rückmeldungen geben konnten. Zwischen den Geldgebern und den Begünstigten gab es kaum direkten Kontakt, es führte kein Weg an den Mittlern bzw. den sozialen Organisationen vorbei. Es ist vor allem dem Internet zu verdanken, dass sich diese Verhältnisse ändern: Direktes Feedback von Begünstigten rückt in den Bereich des Machbaren. So sind die Begünstigten mittlerweile als eigene Akteursgruppe im sozialen Sektor vertreten. Sie in Bezug auf Wirkungsmessung zu sehen, ist aber noch eine relativ neue Idee.

Dahinter steht die Hoffnung, dass Begünstigte dezentral und aus ihrer konkreten Betroffenheit heraus die besten Informationen über Sinn oder Wirtschaftlichkeit einer sozialen Maßnahme geben können. Bislang fehlte dafür der Übermittlungskanal. Durch Mobiltelefonie, SMS oder Internet ergeben nun schnelle, kostengünstige Möglichkeiten für einen direkten Austausch.

Begünstigte spielen im Trendreport aber nicht nur als Akteure im Dreieck  mit Geldgebern und Mittlern eine Rolle. Digitale Medien nehmen im Leben der Begünstigten eine zunehmend wichtige Rolle ein – ungeachtet der traditionellen Hilfsindustrie. Vielmehr schaffen sich die Bevölkerungen strukturell unterentwickelter Länder und marginalisierten Gruppen in Industrienationen dank Mobiltelefonie und Internet zunehmend selbst die Mittel, ihr Leben zu verbessern – indem sie Zugang zu Märkten, Informationen, Bildung und Krediten bekommen.

Fazit

Im sozialen Sektor müssen soziale Organisationen Anforderungen der beiden anderen Beteiligten von zwei Seiten gerecht werden. Auf der einen Seite fordern die Geldgeber, dass messbare Ergebnisse erzielt werden – sie verstehen sich zunehmend als soziale Investoren und erwarten eine Art Return on Investment. Auf der anderen Seite nutzen die Begünstigten zunehmend digitale Technologien (vor allem Mobilfunk) und werden dadurch unabhängiger und selbstständiger. Mit der Professionalisierung des sozialen Sektors geht auch dessen Ökonomisierung einher, was unter anderem daran liegt, dass sich staatliche Institutionen aus diesem Bereich zurückziehen.

Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation
Scheinhardt