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Messen

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„Im philanthropischen System der Zukunft fließt qualitativ hochwertige, standardisierte und allgemein anerkannte Information. Non-Profit-Organisationen (NPOs) verwenden diese Information, um ihre Leistung zu verbessern, während Geldgeber sie benutzen um bessere Förderungsentscheidungen zu treffen.“ Das war der Tenor von über 30 großen philanthropischen Internetplattformen (darunter betterplace.org), die 2010 in New York über die Zukunft des Sektors diskutierten. Hinter diesem Tenor steht ein wichtiger Trend: Metriken, Wirksamkeitsanalysen und Evaluationen gewinnen im sozialen Sektor seit geraumer Zeit an Bedeutung.

Was bringt´s?, fragen sich vor allem Geldgeber immer häufiger. Wirkt meine Spende dauerhaft? Kann man von einer sozialen Investition sprechen oder fördere ich mit diesem oder jenem Projekt eher eine Bettlermentalität? Wirkungsmessung kann solche Fragen beantworten und wird bei sozialen Organisationen vermehrt nachgefragt. Das liegt nicht nur an den vielen Geschichten des Scheiterns aus 60 Jahren Entwicklungszusammenarbeit. Auch der allgemeine Transparenztrend des Internets trägt dazu bei. Weitere Gründe sind:

  1. Finanzkrise und wirtschaftliche Rezession
    Die Finanzkrise der letzten Jahre hat den sozialen Sektor weltweit maßgeblich beeinflusst – sie wurde schnell zu einer Spendenkrise. Staatliche Gelder für gemeinnützige Projekte wurden gekürzt, weil öffentliche Kassen plötzlich unter erhöhtem Kostendruck standen. Der Einbruch gemeinnütziger Gelder führte zu einem höheren Wettbewerbsdruck zwischen NPOs und dadurch zu einem erhöhten Legitimationszwang in der Branche. Folglich gewinnen solche Organisationen den verschärften Konkurrenzkampf um knappe Fördergelder, die die Wirkung ihrer Arbeit besser nachweisen können – etwa in Form von quantitativen Indikatoren, Metriken oder Evaluationen. Die Spendenkrise kam am schnellsten und am stärksten in den USA zum Ausdruck. Sie löste dort eine Diskussion aus, deren Leitsätze in anderen Ländern und auch in Deutschland weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Während die Hauptfrage bis dahin war: „Sollen wir unsere Arbeit überhaupt messen?“, lautet sie nun: „Was messen wir?“ Stiftungen wollen wissen, in welche Projekte sie investieren sollen. Deshalb konzentrieren sich NPOs immer stärker darauf, den Erfolg ihrer Aktivitäten zu messen und zu vermitteln.
  2. Digitale Technologie verbreitet die neuen Praktiken
    Der Faktor Technologie hat ebenfalls einen erheblichen Beitrag zu mehr Wirkungsorientierung geleistet: Durch das Internet verbreiten sich wertvolle Informationen, Know-How und Praktiken. Das Netz bietet Interessenten ausreichend Möglichkeit zu lernen: Oft werden Toolboxen und How-to-Guides im Internet kostenlos zur Verfügung gestellt.
  3. Ökonomisierung des sozialen Sektors
    Eine Ökonomisierungslogik und Business-Sprache breitet sich in anderen gesellschaftlichen Bereichen aus: Auch der gemeinnützigen Sektor wird nicht verschont. Unternehmerische Handlungsansätze im sozialen Sektor erleben gerade einen Aufschwung, zum Beispiel Social Entrepreneurship und Venture Philanthropy. Damit geht eine Denkweise einher, die Fragen nach Kosten und Nutzen von Investments und Social Return on Investment in den Vordergrund stellt.
  4. Standards aus der zwischenstaatlichen Entwicklungszusammenarbeit
    In der Entwicklungszusammenarbeit existiert seit Jahrzehnten der Logical Framework Ansatz. Projektziele und Aktivitäten werden einer logischen Reihenfolge zugeordnet und durch objektive Indikatoren gemessen. Diese Methode findet nicht mehr nur in staatlichen und internationalen Entwicklungsorganisation Verwendung, sondern immer mehr im breiteren gemeinnützigen Raum, also in der Arbeit von NPOs und gemeinnützigen Stiftungen.

Der Trend zur stärkeren Evaluation im öffentlichen und sozialen Raum besteht seit Jahren. In Deutschland kam er erstmals in Form der Verwaltungsreform zum Ausdruck. Dann griff er über auf Dienstleister im sozialen Sektor und zivilgesellschaftliche Organisationen. In der zur Zeit letzte Welle des Trends geht es um die Frage nach der Wirkung von Stiftungshandeln, bzw. sozialer Investitionen. Aus letzterem Bereich sind etwa seit dem Jahr 2000 eine Reihe neuer philanthropischer Akteure hervorgegangen, die – sozialisiert in privatwirtschaftlichen und metrikgetriebenen Branchen– eine Phalanx neuer Messinstrumente entwickeln und diese über das Internet, auf Konferenzen und in der Social Entrepreneurbewegung zu verbreiten versuchen.

Dieser Trend hat Auswirkung auf alle beteiligten Akteure im sozialen Sektor: Geldgeber, NPOs und die sich auf die Entwicklung von Metriken spezialisierenden Mittler und philantropischen Berater, von denen es immer mehr gibt. Und die Geldgeber gründen oft soziale Fonds oder tun sich in Netzwerken zusammen, um soziale Investition an Qualitätsmessung zu knüpfen.

Von Kapitalismus zu Philanthrocapitalism: Entwicklung einer Befürwortung für Impact Investing

Die Wirkungsorientierung im Stiftungswesen entwickelte sich aus den Debatten in den USA heraus und lief unter dem Namen Impact Investing oder Venture Philanthropy. Das heißt: Investoren suchen gezielt nach Geschäftsmöglichkeiten, wo ihr Kapitaleinsatz neben der Rendite auch Gutes für die Gesellschaft oder die Umwelt erzielen kann. Somit stellt Impact Investing einen neuen Markt an der Schnittstelle von Privatwirtschaft und gemeinnützigen Sektor dar. Interessante Initiativen sind die Rockefeller Foundation oder das Aspen Network of Development Entrepreneurs.

Das Konzept der Venture Philanthropy verbreitet sich schnell. Die Merkmale sind: Finanzkapital wird für innovative, neuartige, soziale Initiativen gespendet und der Erfolg durch Benchmarks gemessen. Es ist ein Trend in den USA, dass immer mehr Milliardäre einen Großteil ihrer Vermögen für gemeinnützige Zwecken spenden. Microsoft-Gründer Bill Gates, Investor-Riese Warren Buffet, und eBay-Gründer Jeffrey Skoll sind nur einige von vielen, wie sie etwa auf der Webseite The giving pledge gelistet sind. Auch große Technologieunternehmen schließen sich diesem Trend an, beispielsweise die Hewlett Foundation.

Eine weitere Ausprägung des Trends von der Seite der Geldgeber sind soziale Fonds (v.a. in Entwicklungsländern). Über diese Fonds investiert man in NGOs und Social Entrepreneurs, um solche Initiativen und Marktlösungen zu fördern, die Armut oder soziale Ungleichheiten bekämpfen wollen. Beispiele sind Big Issue Invest oder Calvert.

Forschung, Standardisierung, metrikgetriebene Plattformen

Die neu entwickelten Reporting- und Rechenschaftsstandards stellen Hilfsorganisationen und Stiftungen vor die Herausforderung, diesen Anforderungen gerecht zu werden und ihre Arbeit klarer zu evaluieren. Dafür hat sich ein neuer Berater- und Mittlermarkt entwickelt, der auch in zunehmender (wissenschaftlicher) Forschung Ausdruck findet.

Weltweit nehmen eine ganze Reihe von Think Tanks und Organisationen am Diskurs teil, dessen Leitfrage lautet: "Wie können wir mehr positive gesellschaftliche und ökologische Wirkung erreichen?“ In Deutschland tragen vor allem Active Philanthropy, Phineo, das Center for Social Investment der Uni Heidelberg, die Stiftung Mercator und goodroot (dessen Gründerin Co-Autorin dieses Textes ist) zur Verbreitung wirkungsorientierter philanthrophischer Praktiken bei und forschen über Monitoring und Evaluation. Universitäre Metrikforschung findet in Deutschland auch zunehmend Aufmerksamkeit, etwa am KfW-Stiftungslehrstuhl für Entrepreneurial Finance an der Technischen Universität München und an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg. Auf staatlicher Seite plant Entwicklungsminister, Dirk Niebel (FDP), ein Evaluierungsinstitut, damit Steuergelder wirkungsvoller eingesetzt werden (s. etwa Tagesspiegelbericht).

Auch metrikgetriebene Plattformen haben hierzulande Fuss gefasst. Die Plattform Phineo analysiert Hunderte von Projekten auf Wirksamkeit und bietet somit sozialen Investoren und Privatspendern gute Orientierungshilfen. Und wenn man schon Impact Investoren und soziale Unternehmen hat, die Profit anders definieren und neben Profitmaximierung gemeinnützigen Zielen verfolgen – sollte man dann nicht auch Social Stock Exchanges haben? Ja, und so gibt es seit kurzer Zeit erste Börsen für social Investments, die auch als physische Orte zu verstehen sind. Die erste soziale Börse wurde 2003 mit der BVS&A in São Paulo eröffnet. Mittlerweile gibt es weitere.

Qualitäts- und Standardinitiativen im Entwicklungs- und humanitären Bereich

Im Entwicklungs- und humanitären Bereich haben sich in den vergangenen Jahren ebenfalls einige Initiativen für Qualitätsstandards entwickelt. Durch die Digitalisierung verbreiten sie sich international. Humanitarian Accountability Partnership ist ein Zusammenschluss von Organisationen, die gemeinsam Indikatoren für humanitäre Aktivitäten entwickeln und sich verpflichten, danach zu arbeiten.

Im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit entstehen immer mehr internationale Standards. Vor allem im Bereich internationaler Entwicklungsinvestments gibt es gemeinsame, grenzenübergreifende Metrikentwicklung. In der Frage, inwieweit die Evaluation von Entwicklungsprojekten in Anlehnung an Methoden der Sozialforschung geschehen muss, sind die Ansichten unterschiedlich. Jedenfalls gibt es eine Gruppe von Akademikern, wie etwa am Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab des MIT, die daran glauben, dass Evaluation von Projekten nur durch rigorose Wirkungsanalysen Sinn macht.

Die Frage nach Wirksamkeit im sozialen Sektor und erhöhte Erwartungen diesbezüglich haben eine weitere Diskussion zur Folge: „Was und wie kann und soll gemessen werden?“. Hinter diesem Trend verbergen sich einige Chancen, aber auch Risiken:

Chancen:

  • Eine stärkere Ausrichtung auf „Was wirkt, was nicht?“ fördert den Wettbewerb im sozialen Sektor und kommt somit der Qualitätssteigerung zu Gute.
  • Über die etablierten Standards und Metriken können internationale Vergleiche zustande kommen.
  • Über soziale Investitionslandkarten (s. Kartismus) können Geldgeber effizienter koordiniert und weitere Rückschlüsse über beispielsweise geographische Wirkungsfaktoren gezogen werden.

Risiken

  • Ein zu starker Fokus auf Wirkungsmessung kann dazu führen, dass nur noch die Bereiche gefördert werden, in denen Ergebnisse sichtbarer sind (zum Beispiel in der Gesundheitsvorsorge), auf Kosten anderer Themen (Rechtssicherheit, Demokratisierung), die langfristiger angelegt und schwerer zu evaluieren sind.
  • Es ist komplex und schwierig, einheitliche Standards über verschiedene Branchen und Zielgruppen hinweg zu entwickeln.
  • Bislang sind nur eine kleine Gruppe von Geldgebern wirklich an Wirksamkeitsmessung interessiert, die Social Impact Investoren und institutionelle Geldgeber. Der Großteil der Privatspender kümmert sich dagegen bislang kaum um die Wirksamkeit ihrer Spenden (siehe Hope Report 2010)
  • Wirkungsmessung ist noch relativ teuer. Es ist noch unklar, ob Spender bereit sind dafür Geld auszugeben. Wissenswert ist es daher, ob kostengünstige Alternativen entwickelt werden können (z. B. mehr partizipative, bottom-up Verfahren)
  • Welche Anreize müssen gesetzt werden, damit NPOs die Ergebnisse der Evaluation auch ernst nehmen und sie nutzen, um die Programme zu verbessern? Sind NPOs von ihrer Unternehmenskultur fähig diesen Wandel mit zu vollziehen – zu „lernenden Institutionen“ zu werden?

Fazit

Mehr Wirksamkeitsorientierung- und Messung ist ein Trend, der über Ländern und soziale Bereiche hinweg existiert. In den USA hat der Diskurs die erste Runde im Hype-Zyklus bereits durchlaufen. Der Weg von einem „Peak der überzogenen Erwartungen“ hin zu einer produktiven Arbeitsebene gelingt nur langsam. Obwohl eine kritischere Haltung bezüglich Wirkungsmessung im Diskurs noch zu erwarten ist, ist eine Professionalisierung des sozialen Sektors im Gange und wertvolle wissenschaftliche Forschung hat eingesetzt. Untersparten im Kreis der beteiligten Akteure haben begonnen sich zu diversifizieren: nach geografischem Ort, Sozialgebiet oder nach Aufgabengebiet.

In Deutschland ist die Theorie angekommen. Aber auf der Ebene der praktischen Umsetzung gibt aber es noch Entwicklungsbedarf (mit Ausnahme der Entwicklungszusammenarbeit, staatlich geförderter sozialer Dienstleister, sowie Vorreitern wie Phineo). In der Zukunft wird der steigende Druck für mehr Wirksamkeitsorientierung und Wirkungsmessung eine reformierende Rolle spielen, zur Entwicklung eines Marktes für Vermittler und Berater beitragen und eine Professionalisierung im sozialen Sektor anstoßen.

Dieser Trend steht am Anfang seiner Entwicklung

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