
Was bringt´s?, fragen sich vor allem Geldgeber immer häufiger. Wirkt meine Spende dauerhaft? Kann man von einer sozialen Investition sprechen oder fördere ich mit diesem oder jenem Projekt eher eine Bettlermentalität? Wirkungsmessung kann solche Fragen beantworten und wird bei sozialen Organisationen vermehrt nachgefragt. Das liegt nicht nur an den vielen Geschichten des Scheiterns aus 60 Jahren Entwicklungszusammenarbeit. Auch der allgemeine Transparenztrend des Internets trägt dazu bei. Weitere Gründe sind:
Der Trend zur stärkeren Evaluation im öffentlichen und sozialen Raum besteht seit Jahren. In Deutschland kam er erstmals in Form der Verwaltungsreform zum Ausdruck. Dann griff er über auf Dienstleister im sozialen Sektor und zivilgesellschaftliche Organisationen. In der zur Zeit letzte Welle des Trends geht es um die Frage nach der Wirkung von Stiftungshandeln, bzw. sozialer Investitionen. Aus letzterem Bereich sind etwa seit dem Jahr 2000 eine Reihe neuer philanthropischer Akteure hervorgegangen, die – sozialisiert in privatwirtschaftlichen und metrikgetriebenen Branchen– eine Phalanx neuer Messinstrumente entwickeln und diese über das Internet, auf Konferenzen und in der Social Entrepreneurbewegung zu verbreiten versuchen.
Dieser Trend hat Auswirkung auf alle beteiligten Akteure im sozialen Sektor: Geldgeber, NPOs und die sich auf die Entwicklung von Metriken spezialisierenden Mittler und philantropischen Berater, von denen es immer mehr gibt. Und die Geldgeber gründen oft soziale Fonds oder tun sich in Netzwerken zusammen, um soziale Investition an Qualitätsmessung zu knüpfen.
Von Kapitalismus zu Philanthrocapitalism: Entwicklung einer Befürwortung für Impact Investing
Die Wirkungsorientierung im Stiftungswesen entwickelte sich aus den Debatten in den USA heraus und lief unter dem Namen Impact Investing oder Venture Philanthropy. Das heißt: Investoren suchen gezielt nach Geschäftsmöglichkeiten, wo ihr Kapitaleinsatz neben der Rendite auch Gutes für die Gesellschaft oder die Umwelt erzielen kann. Somit stellt Impact Investing einen neuen Markt an der Schnittstelle von Privatwirtschaft und gemeinnützigen Sektor dar. Interessante Initiativen sind die Rockefeller Foundation oder das Aspen Network of Development Entrepreneurs.
Das Konzept der Venture Philanthropy verbreitet sich schnell. Die Merkmale sind: Finanzkapital wird für innovative, neuartige, soziale Initiativen gespendet und der Erfolg durch Benchmarks gemessen. Es ist ein Trend in den USA, dass immer mehr Milliardäre einen Großteil ihrer Vermögen für gemeinnützige Zwecken spenden. Microsoft-Gründer Bill Gates, Investor-Riese Warren Buffet, und eBay-Gründer Jeffrey Skoll sind nur einige von vielen, wie sie etwa auf der Webseite The giving pledge gelistet sind. Auch große Technologieunternehmen schließen sich diesem Trend an, beispielsweise die Hewlett Foundation.
Eine weitere Ausprägung des Trends von der Seite der Geldgeber sind soziale Fonds (v.a. in Entwicklungsländern). Über diese Fonds investiert man in NGOs und Social Entrepreneurs, um solche Initiativen und Marktlösungen zu fördern, die Armut oder soziale Ungleichheiten bekämpfen wollen. Beispiele sind Big Issue Invest oder Calvert.
Forschung, Standardisierung, metrikgetriebene Plattformen
Die neu entwickelten Reporting- und Rechenschaftsstandards stellen Hilfsorganisationen und Stiftungen vor die Herausforderung, diesen Anforderungen gerecht zu werden und ihre Arbeit klarer zu evaluieren. Dafür hat sich ein neuer Berater- und Mittlermarkt entwickelt, der auch in zunehmender (wissenschaftlicher) Forschung Ausdruck findet.
Weltweit nehmen eine ganze Reihe von Think Tanks und Organisationen am Diskurs teil, dessen Leitfrage lautet: "Wie können wir mehr positive gesellschaftliche und ökologische Wirkung erreichen?“ In Deutschland tragen vor allem Active Philanthropy, Phineo, das Center for Social Investment der Uni Heidelberg, die Stiftung Mercator und goodroot (dessen Gründerin Co-Autorin dieses Textes ist) zur Verbreitung wirkungsorientierter philanthrophischer Praktiken bei und forschen über Monitoring und Evaluation. Universitäre Metrikforschung findet in Deutschland auch zunehmend Aufmerksamkeit, etwa am KfW-Stiftungslehrstuhl für Entrepreneurial Finance an der Technischen Universität München und an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg. Auf staatlicher Seite plant Entwicklungsminister, Dirk Niebel (FDP), ein Evaluierungsinstitut, damit Steuergelder wirkungsvoller eingesetzt werden (s. etwa Tagesspiegelbericht).
Auch metrikgetriebene Plattformen haben hierzulande Fuss gefasst. Die Plattform Phineo analysiert Hunderte von Projekten auf Wirksamkeit und bietet somit sozialen Investoren und Privatspendern gute Orientierungshilfen. Und wenn man schon Impact Investoren und soziale Unternehmen hat, die Profit anders definieren und neben Profitmaximierung gemeinnützigen Zielen verfolgen – sollte man dann nicht auch Social Stock Exchanges haben? Ja, und so gibt es seit kurzer Zeit erste Börsen für social Investments, die auch als physische Orte zu verstehen sind. Die erste soziale Börse wurde 2003 mit der BVS&A in São Paulo eröffnet. Mittlerweile gibt es weitere.
Qualitäts- und Standardinitiativen im Entwicklungs- und humanitären Bereich
Im Entwicklungs- und humanitären Bereich haben sich in den vergangenen Jahren ebenfalls einige Initiativen für Qualitätsstandards entwickelt. Durch die Digitalisierung verbreiten sie sich international. Humanitarian Accountability Partnership ist ein Zusammenschluss von Organisationen, die gemeinsam Indikatoren für humanitäre Aktivitäten entwickeln und sich verpflichten, danach zu arbeiten.
Im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit entstehen immer mehr internationale Standards. Vor allem im Bereich internationaler Entwicklungsinvestments gibt es gemeinsame, grenzenübergreifende Metrikentwicklung. In der Frage, inwieweit die Evaluation von Entwicklungsprojekten in Anlehnung an Methoden der Sozialforschung geschehen muss, sind die Ansichten unterschiedlich. Jedenfalls gibt es eine Gruppe von Akademikern, wie etwa am Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab des MIT, die daran glauben, dass Evaluation von Projekten nur durch rigorose Wirkungsanalysen Sinn macht.
Die Frage nach Wirksamkeit im sozialen Sektor und erhöhte Erwartungen diesbezüglich haben eine weitere Diskussion zur Folge: „Was und wie kann und soll gemessen werden?“. Hinter diesem Trend verbergen sich einige Chancen, aber auch Risiken:
Mehr Wirksamkeitsorientierung- und Messung ist ein Trend, der über Ländern und soziale Bereiche hinweg existiert. In den USA hat der Diskurs die erste Runde im Hype-Zyklus bereits durchlaufen. Der Weg von einem „Peak der überzogenen Erwartungen“ hin zu einer produktiven Arbeitsebene gelingt nur langsam. Obwohl eine kritischere Haltung bezüglich Wirkungsmessung im Diskurs noch zu erwarten ist, ist eine Professionalisierung des sozialen Sektors im Gange und wertvolle wissenschaftliche Forschung hat eingesetzt. Untersparten im Kreis der beteiligten Akteure haben begonnen sich zu diversifizieren: nach geografischem Ort, Sozialgebiet oder nach Aufgabengebiet.
In Deutschland ist die Theorie angekommen. Aber auf der Ebene der praktischen Umsetzung gibt aber es noch Entwicklungsbedarf (mit Ausnahme der Entwicklungszusammenarbeit, staatlich geförderter sozialer Dienstleister, sowie Vorreitern wie Phineo). In der Zukunft wird der steigende Druck für mehr Wirksamkeitsorientierung und Wirkungsmessung eine reformierende Rolle spielen, zur Entwicklung eines Marktes für Vermittler und Berater beitragen und eine Professionalisierung im sozialen Sektor anstoßen.